A U.S. Army tank drives through smoke from another tank, which was disabled during a four-hour running gun battle with insurgents in Mosul, Iraq Saturday Feb. 12, 2005
Themenmodul

Krieg und Gewaltkonflikte

Gewaltkonflikte und Krieg


BICC 09/2011

Global manifestiert sich Gewalt in Kriegen und bewaffneten Konflikten aber auch staatlicher Gewalt und Gewaltkriminalität. Diese drei Aspekte werden in dem Modul Krieg und Gewaltkonflikte des Informationsportals beleuchtet.

Krieg

Was ist Krieg überhaupt? Auf einer ganz allgemeinen Ebene werden sich die meisten Wissenschaftler wohl auf folgende Definition verständigen können: Eine mittels systematischer Gewaltanwendung ausgetragene Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehr organisierten Gruppen, die über einen längeren Zeitraum andauert. Aber sonst? Wer führt heute Krieg gegen wen? Wo werden Kriege ausgetragen? Wie lange dauern sie an? Und worum geht es dabei eigentlich?

Im frühen 20. und 19. Jahrhundert wurde der Krieg von der Wissenschaft noch sehr genau bestimmt. Demnach handelte es sich um einen zeitlich eingegrenzten gesellschaftlichen Aggregatzustand, der auf die formale Kriegserklärung eines Staates gegen einen anderen Staat (oder mehrere Staaten) folgt. Lokal manifestiert hat sich der Krieg nicht im befriedeten oder „zivilen“ Innenraum einer Gesellschaft, sondern an deren Grenzen. Genau hier ließen Staaten ihre Streitkräfte auf dem Schlachtfeld gegeneinander antreten. Die eine Seite gewann schließlich, die andere verlor. Das heißt: der Krieg wurde in einer finalen Schlacht entschieden, der Gewinner konnte seinen politischen Willen gegen den Verlierer durchsetzen. Danach war wieder Frieden – zumindest bis zur nächsten diplomatischen Depesche mit einer Kriegserklärung.

Obgleich diese Vorstellung des Krieges auch heute noch Popularität genießt: von der Wirklichkeit organisierter und systematischer Gewaltanwendung zwischen Gruppen war und ist sie weit entfernt. Wenn es denn überhaupt jemals derartige Kriege gab, dann waren sie eine sehr kurzlebige historische Ausnahmeerscheinung, ganz sicher nicht die Regel. Im europäischen Mittelalter, darauf deuten alte Quellen hin, waren organisierte Gewaltkonflikte eine allgegenwärtige Erfahrung. Bereits Augustinus von Hippo (354 bis 430) stellte fest, dass der Frieden (pax) erst im Jenseits zu erwarten sei. In der politischen Wirklichkeit der Zeit war das Friedensversprechen meist wenig mehr als eine Utopie, wenn nicht ein Propagandamittel, das zur Rechtfertigung immer neuer Gewalt diente. Irgendeine Gruppe führte immer Krieg gegen eine andere, ganz unabhängig von festen politischen Raumvorstellungen. Da rief mal ein kirchlicher Orden zum Kreuzzug auf, da zog eine Söldner- und Banditenbande plündernd durch die Lande, ein kleiner Fürst befehdete über Jahrzehnte die Nachbarburg. Gewalt, auch in kollektiver Form, war nicht an die gesellschaftliche Grenze „verbannt“; sie wartete gleich um die nächste Ecke.

Heutige Ausdrucksformen von Gewaltkonflikten, so scheint es, haben mehr mit dem Mittelalter als mit der Kriegsvorstellung der klassischen Neuzeit gemein. Formal erklärt werden Kriege kaum noch. Staaten sind zwar häufig an ihnen beteiligt, ganz selten erscheinen sie jedoch als die einzigen relevanten Gewaltakteure. Für den Angriff gegen den Irak im Frühjahr 2003 – und während des darauf folgenden Besatzungskrieges – setzten die Vereinigten Staaten in großem Maße auf private Militär- und Sicherheitsfirmen, mithin die Renaissance der Söldnerkompanien des 30-jährigen Krieges im modernen Gewand. Auf der anderen Seite warten bewaffnete Rebellengruppen, Kriegsfürsten, Piraten, klandestine Netzwerke fanatisierter Gotteskrieger. Tatsächlich sind an einigen Kriegen der Gegenwart gar keine staatlichen Akteure direkt beteiligt, so in den Auseinandersetzungen zwischen den Privatarmeen großer Unternehmen, mächtiger Drogenkartelle oder informeller Banden, wie sie beispielsweise in Lateinamerika anzutreffen sind. Auch wenn Frachtschiffe privater Reedereien sich, von schwer bewaffneten Sicherheitsfirmen geschützt, gegen einen Piratenangriff am Horn von Afrika zu Wehr setzen, ist womöglich weit und breit kein Staat in Sicht.

Gewaltkonflikte können überdies kaum noch klar verortet werden. Das heißt: ihre Austragung ist nicht mehr an bestimmte Räume gebunden, jene Grenzlande am Horizont des Zivilen. Spätestens seit den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs ist klar: der Krieg vermag die Gesellschaft als Ganzes zu durchdringen, sie mitten ins Herz treffen, Kombattanten- und Zivilistenleben gleichermaßen zu fordern. Diese Beobachtung bleibt auch für die sogenannten „asymmetrischen“ Kriege der Gegenwart zutreffend, also Gewaltkonflikten zwischen zwei – hinsichtlich ihrer Kapazitäten und Ressourcen – radikal ungleichen Gegnern. Die Hightech-Armeen westlicher Staaten begegnen ihren Widersachern nur selten im offenen Schlagabtausch. Von den Anschlägen des 11. September 2011, über die Bomben in London und Madrid, bis hin zu den Sprengfallen und Selbstmordattentätern in Afghanistan und Irak: der „Feind“ kann überall und zu jeder Zeit zuschlagen. Das gleiche gilt für die Drohnenangriffe des US-Militärs in Pakistan. Die Frontlinie löst sich auf, der Krieg „entgrenzt“. Eine Entgrenzung im Übrigen, die nicht nur geographisch, sondern auch zeitlich zu verstehen ist. Denn der „Krieg gegen den Terror“ kennt keinen Endpunkt, keine „Entscheidungsschlacht“ im Clausewitzschen Sinne. Er ist ein potenziell andauernder Ausnahmezustand, die ständige Alarmbereitschaft angesichts eines meist unsichtbaren Gegners.

Dass Kriege zum gesellschaftlichen Dauerzustand geworden sind, gehört zu den Charakteristika jener Gewaltkonflikte in der globalen Peripherie, die in der Politikwissenschaft manchmal unter dem Begriff der „neuen Kriege“ firmieren. Organisierte Gewalt ist hier häufig weniger ein Mittel zur Erreichung eines bestimmten politischen Ziels; sie wird vielmehr zum Selbstzweck. In den sogenannten „Bürgerkriegsökonomien“ des Südens sind kriegerische Auseinandersetzungen in komplexe Akkumulationsprozesse eingebunden, die sich stetig reproduzieren. Sie enden meist erst dann, wenn die ihnen immanenten Wirtschaftskreisläufe durchbrochen werden, sprich, wenn mit dem Krieg kein Gewinn mehr gemacht werden kann.

Gewaltkriminaltität

„Drogenkriege“ in Zentral- und Lateinamerika, Bandenkriege in den USA und Großbritannien, Mafiafehden in Italien und Russland oder die neue Piraterie auf den Weltmeeren - Gewaltkriminalität ist ein globales Phänomen und fordert teilweise hohe Opfer in der Zivilbevölkerung. Gewaltverbrechen werden weltweit nach unterschiedlichen Formen von Gewaltanwendung unter anderem Mord, Raubüberfälle, Überfälle, Entführungen, Vergewaltigung, Einbruch, Autodiebstahl, oder Drogenkriminalität unterschieden.

Weitere Informationen dazu finden sich in dem Infotext zu Gewaltkriminalität, der sich beispielhaft auf Morde und Raubüberfälle konzentriert.

Staatliche Gewalt

2010 recherchierte und dokumentierte Amnesty International (ai) weltweit Menschenrechtsverletzungen in 157 Ländern und Regionen. Staatliche Gewalt, die sich gegen die eigenen Bürgerinnen und Bürger richtet, hat viele Gesichter. Sie umfasst zum Beispiel die Einschränkung der Meinungsfreiheit auf rechtswidrige Weise, die Inhaftierung von gewaltlosen politischen Gefangenen, Folter und andere Formen der Misshandlung, die Todesstrafe, das Verwehren von fairen Gerichtsverhandlungen und die Durchführung von unfairen Gerichtsverhandlungen, willkürliche Verhaftungen und das „Verschwinden“ von Oppositionellen sowie physische und psychische Einschüchterung wie etwa Morddrohungen und die Androhung von Folter. Weitere Informationen dazu finden sich in dem Infotext zu Staatlicher Gewalt.

Quellen und weiterführende Informationen

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ): Neue Kriege. 46/2009
http://www.bpb.de/publikationen/OPQM7D,0,0,Neue_Kriege.html

Münkler, Herfried (2006): Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie. Velbrück, Weilerswist.

Zentrum für Augustinusforschung in Würzburg
http://www.augustinus.de/bwo/dcms/sites/bistum/extern/zfa/zafuni/studientage/2006_2.html

Datentabellen

Für einige ausgewählte Kartenlayer stellt das Informationsportal Krieg und Frieden die vollständigen zugrunde liegenden Datensätze in tabellarischer Form bereit. Weiter...


Länderporträts

In den Länderportäts werden die Daten und Informationen länderweise zusammengeführt und tabellarisch aufbereitet, die in den Modulen für die Darstellung in Karten und Abbildungen genutzt wurden. Weiter...


Navigation und Bedienung

Die Informationen und Daten eines jeden Moduls werden primär in Form von aktivierbaren Kartenlayern bereitgestellt und durch Texte und Grafiken ergänzt. Die Kartenlayer sind in dem Menübaum auf der rechten Seite nach Themen und Unterthemen sortiert aufgelistet. Weiter...

Feedback

Wir bitten Sie bei der Verbesserung des Portals mitzuwirken und uns Fehler, Anregungen oder Bemerkungen zur Beta-Version des „Informationsportal Krieg und Frieden“ mitzuteilen.

Grafik neu laden

x
x