A U.S. Army tank drives through smoke from another tank, which was disabled during a four-hour running gun battle with insurgents in Mosul, Iraq Saturday Feb. 12, 2005
Themenmodul

Massenvernichtungswaffen

Biologische Waffen und biologischer Krieg - Eine kurze Geschichte


BICC 01/2013

Biowaffen gelten als „exotisch“, tatsächlich sind sie aber so alt wie die Geschichte des Krieges selbst. In der Hoffnung, damit Krankheiten auszulösen, bewarfen schon die alten Römer ihre Feinde mit menschlichem Kot. Die Assyrer benutzten im 6. Jahrhundert nach Christus bestimmte Pilzsporen, um die Brunnen ihrer Feinde zu vergiften. Überlieferungen aus dem Mittelalter legen nahe, dass von der Pest infizierte Leichen manchmal in belagerte Städte katapultiert wurden – was möglicherweise die Ausbreitung größerer Seuchenherde über ganz Europa beschleunigte.

Es gibt eine Vielzahl weiterer historischer Beispiele für den Gebrauch von Krankheitserregern zum Zwecke der Gewalteinwirkung. So war das Blut leprakranker Menschen schon früh als wirksames Gift bekannt. Im 17. Jahrhundert füllte ein polnischer General Artilleriegeschosse mit dem Speichel tollwütiger Hunde. Eine ganz besonders zerstörerische Wirkung entfalteten Biowaffen bei der gewaltsamen Kolonisierung Amerikas. Im 15. Jahrhundert verschenkte zum Beispiel der Spanier Francisco Pizarro mit dem Pockenvirus infizierte Wolldecken an südamerikanische Indianer – ein Vorgehen, dass von späteren Eroberern häufig imitiert wurde und später auch im amerikanischen Bürgerkrieg zum Einsatz kam.

Auch in den Kriegen der Neuzeit kamen biologische Waffen wiederholt zum Einsatz. Nachdem Robert Koch im 19. Jahrhundert erstmals eine Methode zur Züchtung von Bakterien entwickelte, begannen viele Länder damit, die militärischen Anwendungsmöglichkeiten von Biowaffen systematisch zu erproben. Das Deutsche Reich unterhielt während des Ersten Weltkriegs ein eigenes Programm zur Erforschung dieser Kampfstoffe. Angeblich gelang es deutschen Agenten in den Vereinigten Staaten tausende Pferde und Rinder der alliierten Truppen, die zum Transport nach Europa bestimmt waren, unter anderem mit Milzbrand zu infizieren.

Die Nationalsozialisten setzten die Forschung an Biowaffen während des Zweiten Weltkriegs fort, wobei sie waffentaugliche Erreger vor allem an Insassen von Konzentrationslagern testeten. Die japanische Armee verfuhr zwischen 1918 und 1945 ebenso mit chinesischen Kriegsgefangenen, die unter anderem mit Pestviren und Meningitis infiziert wurden. Auf diese Weise starben etwa 3.000 Gefangene, entweder an den direkten Folgen der Krankheit oder – nachdem die Testergebnisse feststanden – durch die anschließende Hinrichtung. 1941 setzten die japanischen Streitkräfte mit Flugzeugen etwa 150 Millionen pestinfizierte Fliegen über Städten in der Mandschurei frei, was in vielen Fällen den Ausbruch der Seuche zur Folge hatte.

Die alliierten Streitkräfte reagierten auf derartige Maßnahmen mit der Einrichtung eigener Biowaffen-Programme. Die Vereinigten Staaten begannen 1942 ein eigenes Biowaffen-Forschungsprogramm. Großbritannien produzierte bis 1945 ca. fünf Millionen mit Milzbrand verseuchte „Kuchen“ und erwog, diese über Deutschland abzuwerfen. Der Plan wurde schließlich verworfen. Tests mit dem Erreger kontaminierten allerdings die schottische Insel Gruinard, die bis zur Entgiftung 1990 unbewohnbar blieb.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten zunächst die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion die Forschung an Biowaffen fort. Die Sowjetunion unterhielt bis zu ihrem Ende ein großes Biowaffen-Forschungsprogramm, dessen Ausmaß erst in den 1990er Jahren bekannt wurde. Es umfasste angeblich mehrere Dutzend und über das ganze Land verteilte Forschungsstätten, an denen zehntausende von Mitarbeitern beschäftigt waren. In Folge eines Lecks an einer militärischen Forschungseinrichtung bei Swerdlowsk kamen 1979 66 Menschen durch Milzbranderreger ums Leben.

In den 1980er Jahren begannen das Apartheidregime in Südafrika und der Irak damit, offensiv ausgerichtete Forschung an biologischen Waffen zu betreiben. Das südafrikanische Forschungsprogramm versuchte ab 1983 verbesserte Methoden für die geheime Tötung von Einzelpersonen zu entwickeln; südafrikanische Forscher arbeiteten zudem an der Entwicklung der berüchtigten „ethnischen Bombe“, also an Erregern, die nur Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe infizieren sollten.

Saddam Hussein rief Mitte der 1980er Jahre das irakische Biowaffenprogramm ins Leben. Waffeninspektoren der Vereinten Nationen fanden nach dem Ende des ersten Golfkrieges 1991 heraus, dass der Irak unter anderem größere Milzbrand- und Botulinumkulturen gezüchtet hatte und daran arbeitete, geeignete Trägersysteme zu entwickeln. Nach einer entsprechenden Resolution des VN-Sicherheitsrats (Resolution 687 vom April 1991) stellte der Irak offensichtlich seine Forschungsprogramme an Massenvernichtungswaffen ein. Zwar wurde er weiterhin verdächtigt, heimlich an Biowaffen zu forschen; diese Zweifel waren aber spätestens 2003, nach der Besetzung des Irak durch US-amerikanische Truppen, aus dem Weg geräumt.

Der Vorwurf, dass die USA in den 1950er Jahren Kartoffelkäfer über der DDR abgeworfen hätten, um die Ernte zu zerstören und die Bevölkerung auszuhungern, war lediglich eine staatliche Propagandakampagne. Ungeachtet unbestätigter Vorwürfe gegen die Sowjetunion, biologische Kampfstoffe im Afghanistankrieg eingesetzt zu haben, gibt es insgesamt keine Belege für einen militärischen Einsatz dieser Waffen in der jüngeren Vergangenheit. Der Irak setzte in den 1980er Jahren chemische Waffen gegen die kurdische Bevölkerung im Norden des Landes ein; ein Gebrauch von Biowaffen ist in diesem Zusammenhang aber nicht bekannt. 1997 beschuldigte Kuba die Vereinigten Staaten, bestimmte Erreger im Land ausgesetzt zu haben, die Pflanzenkrankheiten auslösen. Zwar konnte dieser Vorwurf nicht bewiesen werden; in der Fachliteratur finden sich aber einige Hinweise darauf, dass die Vereinigten Staaten in der Vergangenheit immer wieder mit dem Gedanken gespielt hatten, unliebsame Staatsmänner im Ausland mittels biologischer Kampfstoffe zu töten.

Quellen und weiterführende Informationen

Leitenberg, Milton (2001): Biological weapons in the twentieth century: a review and analysis. Crit. Rev. Microbiol., 27, 267–320.

Miller, Judith, Engelsberg, Stephen und William J. Broad (2002): Germs. Biological Weapons and America's Secret War. Simon & Schuster, New York, USA.

The History of biological warfare 
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1326439/

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