A U.S. Army tank drives through smoke from another tank, which was disabled during a four-hour running gun battle with insurgents in Mosul, Iraq Saturday Feb. 12, 2005
Themenmodul

Massenvernichtungswaffen

Bioterrorismus – Mythos oder reale Gefahr?


BICC 01/2013

Kaum war die Bedrohung des Kalten Krieges vorbei, ging in der westlichen Welt die Angst um, terroristische Gruppierungen könnten sich Massenvernichtungswaffen besorgen und damit verheerende Anschläge verüben. Der Einsatz biologischer Waffen durch derartige „Superterroristen“ erschien dabei als eine ganz besonders große Gefahr. Der US-Friedensforscher Richard Betts schätzte 1998 in der bekannten sicherheitspolitischen Fachzeitschrift „Foreign Affairs“ ein, dass Nuklearwaffen eine sehr zerstörerische Wirkung haben, aber schwierig zu beschaffen seien, chemische Waffen zwar recht leicht zu beschaffen, aber weniger destruktiv als Atombomben seien, biologische Waffen hingegen beide Qualitäten besäßen. Sie seien  die nahezu perfekte Waffe für kleine, gewaltbereite Gruppen, die es darauf anlegten, mit ihren Anschlägen möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten.

Ein bioterroristischer Angriff könnte sich entweder direkt gegen Menschen richten oder auch die ökonomische und ökologische Struktur einer Gesellschaft ins Visier nehmen. Die Maul-und-Klauen-Seuche z.B. ist für Menschen zwar ungefährlich, ihr Ausbruch in Großbritannien 2001 und 2007 hat jedoch gezeigt, dass das Virus die landwirtschaftliche Produktion empfindlich treffen kann. Je nachdem, welche Ziele terroristische Gruppen verfolgen, könnten auch derartige Erreger eine attraktive Waffe darstellen.

Hinzu kommt, dass einige Nachteile, die vom Militär beim Einsatz von Biowaffen gesehen werden, nicht unbedingt von allen terroristischen Gruppen ebenso eingeschätzt werden. Setzen zum Beispiel Streitkräfte Krankheitserreger frei, dann können sie oft nicht ausschließen, dass sich diese unkontrolliert verbreiten und schließlich auch die eigenen Truppen infiziert werden. Für eine fatalistische terroristische Gruppierung, wie beispielsweise die japanische „Untergangssekte“ Omu Shinrikyo, die 1995 durch ihren Giftgas-Anschlag auf die Tokyoer U-Bahn Berühmtheit erlangte, dürften derartige Erwägungen hingegen weniger relevant sein.

Die verbreitete Angst vor „Bioterrorismus“ wurde vor allem in den 1990er Jahren in unzähligen Beststellern, Filmen und Fernsehserien aufgegriffen und dadurch noch weiter verstärkt. Ein Beispiel ist die US-amerikanische Serie „BioWar“, die 1999 im Fernsehkanal ABC lief und den Milzbrand-Angriff einer terroristischen Gruppe auf eine fiktive amerikanische Großstadt in Echtzeit nachstellte. Dass die Zuschauer dabei das „richtige“ Verhalten im Falle eines realen Angriffs mit Biowaffen lernen sollten, lag dabei durchaus in der Absicht der Serienmacher.

Die Anschläge des 11. September 2001 zeigten zwar, dass die Angst vor verheerenden terroristischen Gewaltakten nicht unberechtigt war. Sie wurden aber nicht, wie vorher vielfach erwartet, mit biologischen Waffen ausgeführt. War das Schreckgespenst des „Bioterroristen“ also eine Chimäre? Fest steht, dass in der Vergangenheit viele terroristische Gruppen einen Bioangriff planten. Die bekannten Beispiele zeigen jedoch meist auch, dass sie entweder bereits an der Beschaffung und Aufbereitung der nötigen Substanzen scheiterten – oder aber die erhoffte Wirkung ausblieb.

Angehörige der Bhagwan-Sekte führten 1984 im US-Bundesstaat Oregon den ersten bioterroristischen Anschlag der jüngeren Geschichte aus. Sie vergifteten die Salatbars von elf Restaurants sowie die Auslagen in mehreren Gemüsegeschäften mit Salmonellen-Bakterien. In Folge zogen sich 751 Menschen eine Lebensmittelvergiftung zu, Todesopfer gab es allerdings keine. Der Anschlag selbst wurde zunächst auf natürliche Ursachen zurückgeführt und erst sehr viel später als solcher überhaupt erkannt.

Bevor sich Omu Shinrikyo 1995 schließlich zu einem Anschlag mit Giftgas entschloss, versuchte die Gruppe erfolglos, das Ebola-Virus zu beschaffen. Die Sekte experimentierte ebenfalls mit Milzbrand. In Tokyo ausgesetzte Sporen erzielten jedoch keinerlei Wirkung, womöglich weil die Erreger selbst zu schwach waren oder sich nicht rasch genug verbreiteten.

Kurz nach dem 11. September 2001 schürten die sogenannten „Anthrax-Briefe“ die Angst vor verheerenden Folgeanschlägen mit biologischen Kampfstoffen. Bis zum Ende des Jahres wurden in den Vereinigten Staaten mit Milzbrand-Erregern gefüllte Briefe an insgesamt fünf Medienanstalten und zwei Senatoren, Tom Daschle und Patrick Leahy, verschickt. 22 Menschen infizierten sich mit dem Virus, davon kamen fünf ums Leben. Die Urheber dieser Anschläge sind bis heute nicht ermittelt. Ein Bericht der amerikanischen Bundespolizei FBI von 2008 legt nahe, dass es wahrscheinlich keine Attentäter mit radikal-islamistischer Motivation waren, wie zunächst angenommen. Stattdessen werden sie im Umfeld der US-amerikanischen Biowaffenforschung selbst vermutet. Das Ziel könnte demnach gewesen sein, die allgemeine Angst vor Bioterrorismus weiter zu stärken, um somit entsprechende Forschungsinvestitionen in Gegenmaßnahmen zu erhöhen.

2002 fanden US-amerikanische Soldaten in Afghanistan heraus, dass auch das Al-Qaida Netzwerk ein Biowaffen-Forschungsprogramm betrieb. Die nötigen Erreger, vor allem Milzbrand, beschaffte es angeblich aus den Arsenalen ehemaliger sowjetischer Forschung an Biowaffen.

Dennoch – der in den 1990er Jahren befürchtete bioterroristische Anschlag mit zehntausenden Toten hat, den Bemühungen einiger Gruppen zum Trotz, bisher nicht stattgefunden.  Bisherige Erfahrungen legen nahe, dass die Ängste vor dem vielbeschworenen Bioterroristen häufig übertrieben sind.

Quellen und weiterführende Informationen

Betts, Richard (1998): Weapons of Mass Destruction; in: Foreign Affairs, vol.77, no.1, p.32.

Hahn, Helmut, Kuhn, Jens und Timo Ulrichs (2011): Mögliche Gefahren durch Bioterrorismus - Die Bedrohung durch vorsätzlich freigesetzte Mikroorganismen und anderer Agenzien.
http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/archiv/2005_01/05-01_ulrichs/index.html

Rötzer, Florian (2005): Die vage Bedrohung durch Bioterrorismus bindet Forschungsgelder; in: Telepolis.
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19583/1.html

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