A U.S. Army tank drives through smoke from another tank, which was disabled during a four-hour running gun battle with insurgents in Mosul, Iraq Saturday Feb. 12, 2005
Themenmodul

Massenvernichtungswaffen

Atomwaffen in Europa


BICC 01/2013

Atomwaffen prägen die Geschichte Europas seit fast 60 Jahren. Im März 1955 brachten die US-Streitkräfte ihre ersten atomaren Fliegerbomben in die Bundesrepublik. Schon einen Monat später folgten Sprengköpfe für atomare Matador-Marschflugkörper und Artilleriegranaten vom Kaliber 280 Millimeter, bald darauf auch für Honest John- und Corporal-Raketen, 203-Millimeter-Geschosse für Haubitzen und atomare Landminen. Zu Beginn des Jahres 1960 lagerten in der Bundesrepublik bereits zehn Typen atomarer Waffen. Fast alle besaßen eine größere Sprengkraft als die Bombe, die Hiroshima zerstört hatte. So begann eine atomare Aufrüstungswelle, auf deren Höhepunkt etwa 7.300 US-Atomwaffen für unterschiedlichste Aufgaben in Europa gelagert wurden. Hinzu kamen kleine Potentiale, die den europäischen Nuklearmächten, Frankreich und Großbritannien, gehörten. In den Jahren 1958/59 begann auch die Sowjetunion mit der vorgeschobenen Stationierung nuklearfähiger Trägersysteme auf dem Territorium ihrer Verbündeten. In der DDR entstanden über die Jahre bis zu 31 Lager für die atomaren Sprengköpfe von Kurz- und Mittelstreckenraketen sowie für atomare Bomben und andere Atomwaffen. Wahrscheinlich wurden dort mehr als 1.000 atomare Waffen eingelagert.

Neben den Armeen der beiden Supermächte rüsteten auch deren Verbündete ihre Streitkräfte nach und nach mit in den USA bzw. der UdSSR gekauften Trägersystemen für atomare Waffen aus und trainierten Soldaten für den Einsatz nuklearer Systeme. Im Westen gab es zunächst ein sogenanntes Zwei-Schlüssel-System, mit dem die USA sicherstellten, dass ihre Verbündeten die US-Atomwaffen nur nach Freigabe durch den US-Präsidenten einsetzen konnten. Später wurde dieses durch elektromechanische oder elektronische Sicherungssysteme mit sogenannten PAL-Codes abgelöst, ohne die eine Atomwaffe nicht scharf gemacht und eingesetzt werden konnte. Die UdSSR lagerte zwar atomare Sprengköpfe auf dem Territorium der Verbündeten, gab deren Streitkräften aber keinen Zugang zu diesen Waffen. Erst im Krieg hätten speziell ausgebildete Einheiten, die der 12. Hauptverwaltung des sowjetischen Generalstabs unterstanden, die Sprengköpfe zu den Einheiten mit den Trägersystemen gebracht, dort auf die Träger montiert und deren Einsatz überwacht. Höchstwahrscheinlich hat kein Soldat der Nationalen Volksarmee je einen echten Atomsprengkopf gesehen. In der NATO war dies anders. Systeme schneller Einsatzbereitschaft (Quick Reaction Alert /QRA) machten es zum Beispiel erforderlich, dass atomare Bomben während einer solchen Bereitschaft an ihre Trägerflugzeuge montiert waren, um in der vorgegebenen Zeit aufsteigen zu können.

In der NATO wurden die atomaren Waffen in Europa lange vorrangig als Gefechtsfeldwaffen betrachtet, also als Waffen, deren Einsatz einen bereits begonnenen Krieg zwar eskalieren, aber dem gleichen Ziel dienen würde wie der Einsatz konventioneller Waffen: Der Gegner sollte auf dem Gefechtsfeld dezimiert, gestoppt oder geschlagen werden. Entsprechend elaboriert waren die Planungen für den Einsatz atomarer Waffen. Die Möglichkeit, Atomwaffen als erster einzusetzen (first use), war erklärter Bestandteil der NATO-Strategie. Erst mit dem Eintritt Helmut Schmidts in die Bundesregierung begann Ende der 1960er Jahre ein Umdenken. Er verfolgte deshalb zwei Ziele: Zum einen sollte es nicht möglich sein Atomwaffen auf oder von deutschem Territorium einzusetzen, ohne dass der Bundeskanzler dem zuvor zugestimmt hatte. Zum anderen wollte er es möglichst nicht zulassen, dass man einen nuklearen Schlagabtausch auf Europa begrenzen konnte. Washington und Moskau sollten sich bewusst sein, dass jeder Nuklearwaffeneinsatz in Europa mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch russisches und amerikanisches Kernland in Mitleidenschaft ziehen würde.

In der sowjetischen Militärdoktrin dagegen galt der Einsatz nuklearer Waffen, gleich welcher Reichweite und Art, als Beginn eines alles vernichtenden nuklearen Weltkrieges. Erst in der letzten Dekade des Kalten Krieges wurde auch in Moskau über eine Gefechtsfeldrolle nuklearer Waffen intensiver nachgedacht.

Der größte Teil der atomaren Gefechtsfeldwaffen in Europa wurde nach dem Ende des Kalten Krieges im Kontext der deutschen Einheit und der einseitigen Initiativen der Präsidenten George H.W. Bush, Michail Gorbatschow und Boris Jelzin aus Europa abgezogen. Die sowjetischen Waffen wurden vollständig auf das Territorium der Russischen Föderation verlagert. Im Westen verblieben zunächst rund 1.400 nukleare Bomben auf den europäischen NATO-Basen, eine Zahl, die weiter schrittweise reduziert wurde. Die Erkenntnis, dass die in Europa lagernden Atomwaffen technisch nicht so sicher waren, wie man lange geglaubt hatte, beförderte schon bald nach dem Mauerfall die Bereitschaft Washingtons, die in Europa gelagerten Bestände deutlich zu reduzieren.

Die aktuelle Situation

Auch heute noch lagern die USA etwa 150 bis 200 atomare Bomben in Europa. Bei diesen Waffen handelt sich um nukleare Bomben der Typen B-61-3 und B-61-4. Diese verfügen über relativ moderne Sicherungssysteme und haben eine variabel einstellbare Sprengkraft von 0,3 bis zu 50 Kilotonnen (Mod. 4) bzw. 0,3 bis zu 170 Kilotonnen (Mod. 3). Ersteres entspricht der vierfachen Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe.

Die Nuklearwaffen für die NATO sind heute auf sechs Luftwaffenstützpunkten in Kleine Brogel (Belgien), Büchel (Deutschland), Aviano und Ghedi Torre (Italien), Volkel (Niederlande) und Incirlik (Türkei) stationiert. Theoretisch können an diesen Standorten bis zu 392 Waffen gelagert werden. Neben den USA halten Belgien, Deutschland, Italien und die Niederlande weiterhin Trägerflugzeuge für einen Nuklearwaffeneinsatz bereit, die Türkei könnte diese Aufgabe jederzeit wieder übernehmen. Andere NATO-Staaten können sich im Ernstfall an nicht nuklearen Unterstützungsaufgaben beteiligen.

In Deutschland sind 10 bis 20 nukleare Bomben in Büchel, dem Standort des Jagdbombergeschwaders 33 der Bundeswehr, gelagert. Für bis zu 44 Waffen ist dort theoretisch Platz. Es ist der einzige aktive Lagerort in Deutschland. Die Bundeswehr hat der NATO die Bereitstellung von 46 nuklearfähigen Trägerflugzeugen für die „Daueraufgabe“ nukleare Teilhabe zugesagt und stationiert 44 ihrer künftig noch 85 Tornados in Büchel. Das Verteidigungsministerium geht davon aus, dass der Tornado über das Jahr 2025 hinaus betrieben werden kann. Ein Betrieb über das Jahr 2030 hinaus ist nicht ausgeschlossen.

Nuklearwaffen werden in Europa in geschützten unterirdischen Unterflurmagazinen, sogenannten Weapons Storage Vaults, aufbewahrt, die in den Fußboden der Flugzeugschutzbauten eingebaut sind. Die Magazine wurden so konstruiert, dass sie theoretisch sowohl einem Feuer als auch einem bewaffneten Angriff solange standhalten können bis Hilfe eintrifft. Jedes Magazin kann maximal vier Waffen aufnehmen.

Für die Wartung und den Zugang zu den Atomwaffen sind an den Standorten der europäischen NATO-Partner US-Spezialisten zuständig, die in vier Munition Support Squadrons (701.-704. MUNSS) Dienst tun. Sie sind auch dafür verantwortlich, dass nie ein einzelner Soldat oder gar ein Europäer ohne Begleitung durch US-Soldaten Zugang zu einer Atomwaffe bekommt. Zusätzliche Wachmannschaften gewährleisten die äußere Sicherheit des Lagerbereichs.

Die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften und der Ausbildungsstand des Personals werden an jedem Standort regelmäßig überprüft. Dazu dienen sogenannte Nuclear Surety Inspections. Mit jährlichen NATO-Übungen – derzeit unter Bezeichnung „Steadfast Noon“ – wird überprüft, ob die Soldaten am Boden und die Flugzeugbesatzungen das Prozedere eines Nuklearwaffeneinsatzes trotz reduzierter Bereitschaftsanforderungen weiterhin beherrschen.

Die Atomwaffen in Europa sind vorrangig für Aufgaben der NATO vorgesehen. Eingesetzt werden dürfen und können sie nur, wenn der US-Präsident sie freigegeben hat und der Freigabecode auf einem besonderen US-Befehlsweg eingegangen ist. Die USA behalten sich zudem das Recht vor, in Europa gelagerte Atomwaffen auch zur Unterstützung des für den Nahen und Mittleren Osten zuständigen, regionalen Oberkommandos CENTCOM einzuplanen. Dabei spielt die NATO wahrscheinlich keine Rolle.

Seit dem Ende des Kalten Krieges erfüllen die US-Nuklearwaffen in Europa aus Sicht der NATO vor allem eine politisch-psychologische Funktion. Sie sollen ein Zeichen dafür sein, dass die nukleare Abschreckung auch im Blick auf deren neue Mitglieder gilt, dass man die NATO-Staaten nicht auseinanderdividieren kann und sie die Verantwortung für die Nuklearpolitik gemeinsam tragen. Ihre spezifische militärische Funktion haben diese Waffen dagegen weitgehend verloren. Die Ziele, gegen die sie früher eingesetzt werden sollten, sind heute keine mehr. Für neue Ziele, die seit Ende des Kalten Krieges Aufnahme in die flexiblere „adaptive“ Zielplanung der NATO fanden, sind diese Waffen oft wenig geeignet. Im Rahmen der nuklearen Abschreckung erfüllen sie kaum Aufgaben, die nicht auch von den U-Boot-gestützten Atomwaffen erfüllt werden könnten, die der NATO im Ernstfall zur Verfügung stehen.

Im Rahmen der jüngsten Diskussionen über eine neue NATO-Strategie 2010 und die Zukunft der Abschreckungs- und Verteidigungspolitik des Bündnisses 2012 (DDPR) konnte die Allianz sich trotzdem nicht darauf einigen, künftig auf diese Waffen zu verzichten. Sie sollen vorerst in Europa bleiben. In Gesprächen mit Russland will die NATO versuchen, Moskau Gegenleistungen für weitere Reduzierungsschritte abzuhandeln. Da einige Komponenten der heutigen Waffen bald das Ende ihrer technischen Lebensdauer erreichen, entschieden sich die USA 2010, ein umfassendes Modernisierungsprogramm für vier der fünf Versionen der B61-Bombe zu beginnen. Sie sollen durch ein einziges neues Nachfolgemodell ersetzt werden, das die Sprengkraft der kleinsten bisherigen Version besitzt, aber dafür als sehr zielgenaue Präzisionswaffe ausgelegt werden soll. Die Lebensdauer der Waffen soll um etwa 30 Jahre verlängert werden. Kritiker befürchten, dass damit der militärische Nutzen und die militärische Rolle dieser Waffen wieder deutlich wachsen werden.

Nach Angaben der für Entwicklung und Bau zuständigen National Nuclear Security Administration (NNSA) sollte die neue Version ab 2017/18 zur Stationierung in Europa verfügbar sein und etwa vier bis fünf Milliarden Dollar kosten. Inzwischen geht das Pentagon davon aus, dass dies erst 4 bis 5 Jahre später und zu Gesamtkosten in der Größenordnung von mehr als 11 Milliarden Dollar möglich sein wird.

Die technischen Aspekte des NATO-Systems der nuklearen Teilhabe in der NATO sind politisch und rechtlich umstritten. Die europäischen Staaten, die sich daran beteiligen, sind nicht nukleare Mitglieder des Nichtverbreitungsvertrages (NVV, Atomwaffensperrvertrag) und haben sich völkerrechtlich verpflichtet, auf die Kontrolle über Atomwaffen zu verzichten. Die USA dürfen die Kontrolle über diese Waffen unter keinen Umständen abgeben. Kommt es jedoch zu einem Einsatz einer US-Nuklearwaffe mit einem Trägerflugzeug aus einem nicht nuklearen NATO-Staat, so ginge die Kontrolle über diese Waffe spätestens dann an die europäische Besatzung über, wenn das Flugzeug startet. Die Mehrheit der Mitglieder des NVVs, die nicht paktgebundenen Staaten, hat die NATO deshalb wiederholt aufgefordert, sicherzustellen, dass alle Bündnismitglieder den NVV jederzeit einhalten. Zugespitzt und mit anderen Worten: Sie befürchten, dass es sich bei der technischen Umsetzung der nuklearen Teilhabe um einen Sonderfall von Proliferation handeln könnte.

Quellen und weiterführende Informationen

Kristensen, Hans M. (2005): U.S. Nuclear Weapons in Europe - A Review of Post-Cold War Policy, Force Levels, and War Planning" Natural Resources Defense Council.
http://www.nrdc.org/nuclear/euro/euro.pdf

Nassauer, Otfried (2012): US - Atomwaffen in Deutschland und Europa; in: BITS Stichwort
Aktualisierte Fassung.
http://www.bits.de/public/stichwort/atomwaffen-d-eu.htm

Norris, Robert S. und Hans M. Kristensen (2011): US tactical nuclear weapons in Europe, 2011; in: Bulletin of the Atomic Scientists 2011 67: 64.
http://bos.sagepub.com/content/67/1/64.full.pdf+html

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