A U.S. Army tank drives through smoke from another tank, which was disabled during a four-hour running gun battle with insurgents in Mosul, Iraq Saturday Feb. 12, 2005
Themenmodul

Rohstoffe und Konflikte

Natürliche Rohstoffe – Finanzierungsquelle und Anlass für Konflikte


BICC 01/2012

Konflikte um Rohstoffe – das Thema hat derzeit Hochkonjunktur. Häufig wird ein Bedrohungsszenario gezeichnet, in dem die weltweit zunehmende Konkurrenz um Rohstoffe zum Anlass genommen wird, Kriege um Rohstoffe zwischen Staaten vorherzusagen. Oder aktuelle Kriege werden so interpretiert, dass Rohstoff- und Profitinteressen die alleinige Motivation der Kriegsparteien ist, so zum Beispiel im Falle des Irak-Kriegs.
Tatsächlich können Rohstoffkonflikte auf internationaler wie auch auf nationaler Ebene auftreten. Zum einen als zwischenstaatliche Rohstoffkonflikte: zwei (oder mehr) Staaten erheben Anspruch auf ein rohstoffreiches Territorium. Zum anderen gibt es innerstaatliche Rohstoffkonflikte: eine Rebellen- oder Sezessionsbewegung macht einem Staat ein rohstoffreiches Territorium streitig.

Konfliktrohstoffe und „Ressourcenfluch“

Dabei wird deutlich: Sogenannte Konfliktrohstoffe können sowohl Mittel zur Finanzierung eines Krieges als auch Motiv oder Anlass einer kriegerischen Auseinandersetzung sein. Die Definition der NGO Global Witness lautet: „Konfliktrohstoffe sind natürliche Rohstoffe, deren systematische Ausbeutung und deren Handel im Zusammenhang mit einem Konflikt zu schwersten Menschenrechtsverletzungen, Verletzungen des humanitären Völkerrechts oder völkerrechtlichen Straftaten beitragen, zu solchen führen oder von ihnen profitieren.“ (“Conflict resources are natural resources whose systematic exploitation and trade in a context of conflict contribute to, benefit from or result in the commission of serious violations of human rights, violations of international humanitarian law or violations amounting to crimes under international law.”)
Blutdiamanten sind ein Schlagwort, das Krieg und Rohstoffe in direkten Zusammenhang bringt. Es bezieht sich auf Bürgerkriege, in denen Rebellen ihren blutigen Kampf über den Verkauf von Diamanten finanzierten. Dies war in den 1990er Jahren in den westafrikanischen Staaten Angola, Liberia und Sierra Leone der Fall. Handelte es sich bei diesen Konflikten also um Rohstoffkonflikte? Nicht ausschließlich. Die Bürgerkriege in Angola, Liberia und Sierra Leone hatten komplexe Ursachen. Diamanten spielten weniger eine Rolle für den Ausbruch der Konflikte: politische und sozio-ökonomische Gründe waren hier wichtiger. Doch als Finanzierungsquelle waren Diamanten von entscheidender Bedeutung.
Der Bürgerkrieg in Angola dauerte 26 Jahre. Konfliktgegenstand war die Verteilung politischer Macht nach der Unabhängigkeit. In der ersten Phase, die 1975 begann, wurden die Kriegsparteien von den Blockmächten unterstützt. Die angolanische Regierung erhielt Hilfen aus dem Ostblock, während die UNITA-Rebellen von den Westmächten unterstützt wurden. Bereits zu dieser Zeit setzten beide Seiten auch Erlöse aus Rohstoffvorkommen für ihren Kampf ein. Mit Ende des Kalten Krieges entfiel die Unterstützung der Blockmächte. Zur Finanzierung des Konfliktes wurden Rohstoffe nun essentiell. Die Regierungsseite konnte sich auf die Ölförderung stützen, während die Rebellen Diamantenvorkommen in ihrem Gebiet ausbeuteten. Dazu zogen die Kämpfer auch die Bevölkerung zu Zwangsarbeit in den Diamantengebieten ein.
Der Bürgerkrieg in Angola ist nur ein Beispiel für einen möglichen Zusammenhang zwischen Rohstoffen und Konflikten. Die Art und Weise, wie Konflikte mit Rohstoffen zusammenhängen, ist vielfältig. Klar ist, dass es keinen Automatismus zwischen dem Vorkommen von Rohstoffen und Gewaltkonflikten gibt. Allerdings gibt es Studien, die eine Korrelation zwischen Rohstoffreichtum und Bürgerkriegen herstellen. Paul Collier und Anke Hoeffler zufolge besteht in Ländern, die stark von Rohstoffexporten abhängig sind, ein größeres Risiko für einen Bürgerkrieg. Spätere Studien hinterfragten einen derart direkten Zusammenhang allerdings. Dennoch besteht für rohstoffreiche Länder die Gefahr, den „Fluch“ der Rohstoffe zu erleben. Denn viele Länder mit großen Rohstoffvorkommen zeichnen sich durch schwache Regierungsführung und wirtschaftliche Instabilität aus. Dieses Phänomen wurde als „Rohstofffluch“ (resource curse) bekannt. Als Auslöser für den Rohstofffluch gilt die „Holländische Krankheit“ (dutch disease): eine Volkswirtschaft, die vom Export eines oder weniger Rohstoffe lebt, tendiert dazu andere Wirtschaftszweige zu vernachlässigen. Diese Abhängigkeit macht das Land wirtschaftlich leicht verwundbar, etwa wenn die Rohstoffpreise fallen. Im Falle eines Preiseinbruchs droht schnell eine Rezession. Und ein wirtschaftlicher Abschwung birgt Konfliktpotentiale, etwa aufgrund sozioökonomischer Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten. Es kommt zum „Paradoxon des Reichtums“ (paradox of plenty): Reichtum an Rohstoffen führt zu einer höheren Krisenanfälligkeit. Es gibt allerdings auch Beispiele, in denen Staaten den Reichtum an Mineralien (Botswana, Chile und Südafrika) oder Öl (Malaysia, Indonesien und Norwegen) zur Steigerung ihrer Wirtschaftsleistung nutzen konnten.

Bürgerkriege und die Rolle von Rohstoffen

Auf innerstaatlicher Ebene gibt es mehrere Konfliktkonstellationen, in denen Rohstoffe eine Rolle spielen können. Hier kann man drei Kategorien unterscheiden: nationaler Verteilungskonflikt um Rohstoffeinnahmen, lokaler Konflikt in Rohstoffregionen und Kriegsökonomien.
Nationaler Verteilungskonflikt:
Die Erlöse aus dem Rohstoffsektor eines Staates fließen zunächst in den Staatshaushalt. Es liegt damit in der Hand der Regierung, diese Einnahmen zu verwalten und im Rahmen ihrer Politik auszugeben. Das erdölreiche und demokratische Norwegen hat dazu einen Fonds für zukünftige Generationen eingerichtet, damit die Bevölkerung auch langfristig vom Rohstoffreichtum profitiert. In weniger demokratischen Staaten ist statt der breiten Bevölkerung die machthabende Elite Nutznießer: nicht demokratisch legitimierte Staatschefs bestechen mit den Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft und sichern sich so ihre Macht. Durch Korruption bereichern sich auch Regierungs- und Verwaltungsbeamte. Es entstehen Prachtbauten in der Hauptstadt, während in den Rest des Landes nicht investiert wird. Politische Macht bedeutet also den Schlüssel zum Rohstoffreichtum.
Konzentrieren sich die Vorteile des Rohstoffreichtums in dieser Art auf eine kleine Elite, kann im Rest der Bevölkerung schnell Unmut entstehen. Häufig stehen sich zudem als Profiteure und Benachteiligte verschiedene Bevölkerungsgruppen (Ethnien, soziale Gruppen, unterschiedliche Landesteile) gegenüber. Ökonomische Unzufriedenheit kann sich in diesem Fall mit sozialen und politischen Anliegen vermischen. Der Nährboden für Konflikte ist bereitet. Lässt sich diese Frustration nicht politisch und gewaltfrei ausdrücken, steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Gewaltkonflikt.
Lokaler Konflikt in Rohstoffregionen:
In den Gebieten, in denen Rohstoffe abgebaut werden, können sich Konflikte rund um die Verschlechterung der Lebensbedingungen der Anwohner entzünden. Gerade beim Abbau von Erdöl, aber auch bei anderen extraktiven Rohstoffen (Gold, Uran, Erz etc.) wird massiv in die Umwelt eingegriffen. Ganze Landschaften verändern sich und es kommt zu Verschmutzungen von Wasser, Boden und Luft. Zudem müssen Anwohner umgesiedelt werden: teilweise geschieht dies unter Zwang und oft sind die Entschädigungen nicht angemessen. Auch ungeklärte Landbesitzverhältnisse führen zu Problemen, gerade in Bezug auf Entschädigungen. Der Unmut der Bevölkerung äußert sich häufig in sporadischen Sabotageakten oder Angriffen gegen das Personal des Bergbauunternehmens oder seiner Sicherheitsdienste. Werden die Belange der Menschen weder von der eigenen Regierung noch von dem Unternehmen ernst genommen, können die Gewaltakte zunehmen und letztlich auch zum Bürgerkrieg oder zur Forderung nach Sezession führen.
Kriegsökonomie: Eine auf Rohstoffen basierende Kriegsökonomie entsteht, wenn Rebellen ein rohstoffreiches Gebiet besetzen und ihren Kampf aus den Einnahmen des Rohstoffabbaus finanzieren. Zwar sind die Gründe für den Kampf weiterhin politische, soziale oder andere. Zeitweise kann die Kontrolle über den Abbau und den Schmuggel der Rohstoffe jedoch so lukrativ sein, dass die Fortführung des Konfliktes zum Selbstzweck wird: der Konflikt wird aufrechterhalten, um weiter von den Rohstoffeinnahmen zu profitieren. Diese dienen nicht nur der Finanzierung von Waffen- und Munitionskäufen, der Verpflegung der Kämpfer etc., sondern auch der Selbstbereicherung.

Rohstoffkonflikte haben also vielfältige Hintergründe und treten in unterschiedlichen Formen auf. Festzuhalten ist, dass die beteiligten Akteure das Geschehen bestimmen und nicht etwa Rohstoffvorkommen per se zu Konflikten führen. Dies öffnet auch Möglichkeiten für ihre Prävention und Einhegung.

Quellen und weiterführende Informationen

Auty, Richard M. (1993): Sustaining development in mineral economies: The resource curse thesis. London: Routledge.

Collier, Paul und Anke Hoeffler (1998): On Economic Causes of Civil War. Oxford Economic Papers, 50(4). 563–573.

Collier, Paul und Anke Hoeffler (2004): Greed and grievance in civil war. Oxford Economic Papers (2004) 56 (4): 563-595.

Fatal transactions
http://www.bicc.de/fataltransactions/index.html

Global Witness
http://www.globalwitness.org/

Le Billon, Philippe (2001): The political ecology of war: Natural resources and armed conflict. Political Geography 20(5), 561–584.

medico international
https://www.medico.de/rohstoffkonflikte-und-rohstoffgerechtigkeit-13030/

Samset, Ingrid (2009): Natural resource wealth, conflict, and peacebuilding. New York: Ralph Bunche Institute for International Studies, City University of New York. Retrieved September 15, 2011
http://conflictfieldresearch.colgate.edu/wp-content/uploads/2015/05/Samset2.pdf

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